
Web 2.0: Viel Lärm, wenig Substanz?
Vor zwanzig Jahren gab’s plötzlich überall AJAX, Tag-Clouds und Social-Bookmarking-Buttons. Die alten statischen Seiten galten als tot, angeblich begann jetzt das „soziale“ Netz. Klingt nach einer Revolution, war aber meist viel heiße Luft. Manche Sachen sind geblieben. Die meisten nicht.
Damals wollten viele einfach raus aus der HTML-Steinzeit. AJAX wurde zum Lieblingsspielzeug für alle, die nervige Komplett-Reloads loswerden wollten. JavaScript schickte Daten im Hintergrund, Seiten mussten nicht mehr komplett neu laden. Ein bisschen wie Desktop, aber eben im Browser. Das fühlte sich 2006 ziemlich modern an. Rückblick: Vieles davon war nützlich, aber der große Quantensprung? Schwierig.
AJAX – Standard, kein Zaubertrick
AJAX hätte schon früher gekonnt, aber erst mit brauchbaren Libraries wurde’s massentauglich. Heute läuft das fast unsichtbar. React, Vue, Angular – keiner schreibt mehr rohe XMLHttpRequests von Hand. AJAX-Logik ist in jedem Framework tief drin, keiner spricht noch groß drüber.
Im Hosting-Alltag: AJAX spart Ladezeit, macht Seiten flüssiger. Aber: Wer schludert, produziert Chaos. Kein Fallback? Schon hagelt’s Support-Tickets, weil irgendwer ohne JavaScript surft. SEO war lange ein Trauerspiel – Google fand dynamisch Geladenes kaum. Erst mit Server-Side-Rendering wurde es besser. Heute: Standardwerkzeug. Kein Heilsbringer.
Tags: Von Ordnung keine Spur
Tags klangen nach Ordnung. Nutzer verschlagworten, alles wird auffindbar. Klingt gut. Realität? Synonyme, Rechtschreibfehler, Spam. Tag-Clouds sahen spätestens nach drei Monaten aus wie ein Wörterbuch mit Schlaganfall. Orientierung? Fehlanzeige.
Komplett freie Tags führten zu wildem Kuddelmuddel. Wer ernsthaft Ordnung wollte, schraubte irgendwann an festen Listen oder baute Algorithmen zur Vorschlagserstellung ein. Heute Standard. CMS und Foren machen das automatisch. Chaos weg? Nicht ganz. Wer wirklich Struktur will, muss Taxonomien pflegen – Handarbeit bleibt.
Social Bookmarking: Kurz gehypt, schnell vergessen
Delicious, Mister Wong – kurz cool, dann wieder weg. Anfangs sammelte jeder Links, aber ohne große Community verpuffte das schnell. Twitter, Mastodon, Reddit übernahmen. Heute gibt’s noch Pocket oder Instapaper, aber die Nische ist schmal.
Erfahrung aus Agenturen: Ohne viele Leute bleibt’s tot. Wer heute Links teilt, packt sie in Slack oder Teams, vielleicht noch ins Projektmanagement-Tool. Eigenständige Bookmarking-Dienste? Fast ausgestorben. Nostalgie bleibt, der Nutzen kaum.
Web 2.0 – Was ist übrig?
AJAX? Selbstverständlich, kein Hype mehr. Wer Anwendungen baut, nutzt asynchrone Requests, merkt es oft gar nicht. Tags? Praktisch, aber nur mit Kontrolle – sonst gleicht die Cloud einer Gerümpelkammer. Social Bookmarking? Tot als Hauptding, lebt in anderen Tools weiter.
Fazit aus zwanzig Jahren: Hypes kommen, Hypes gehen. Was sich hält, löst echte Probleme und frisst wenig Zeit. Wer als Entwickler oder Admin zu jedem Trend springt, landet oft bei der nächsten Ruine. Skepsis hilft. Auf bewährte Tools setzen, Hype-Features erst mal abwarten. Spart Nerven, bewahrt vor peinlichen Altlasten – und das nächste große Ding? Kommt bestimmt. Nur nicht immer da, wo es alle erwarten.
bye
mo
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